Ran an den Stammtisch! – #ReclaimTheAlps Teil 1

Wie kann linke außerparlamentarische Politik im bayerischen Hinterland aussehen? Woher kommt die Isolation linker Bewegungen in Bayern und was können wir tun, um sie zu durchbrechen? Fragen, mit denen sich verschiedene Autor*innen in der Reihe #ReclaimTheAlps beschäftigen. Die Texte geben die Meinung des*der jeweiligen Autor*in wieder. Gerne könnt ihr uns auf redaktion@muscovado.org schreiben, was ihr dazu denkt. Wir freuen uns auf eine hitzige und solidarische Diskussion.

Im 1. Teil befasst sich unser Redakteur Anselm Schindler mit dem Verhältnis zwischen linken Bewegungen und der bayerischen Kultur

„Heimat im Herzen, Scheiße im Hirn“ – so tönt es durch die Straßen des Provinznestes, als der kleine Demonstrationszug um die Ecke beim Alten Wirt biegt. Hinter dem Seitentransparent blitzen Sonnenbrillen hervor, keine Augen, die Blickkontakt suchen, kein „reiht euch in die Demo ein!“ Und falls doch, dann ein schwaches, ritualisiertes. Im Block drängen sich die Antifa-Aktivist*innen dicht an dicht, Mittelfinger ragen über die Transparente hinaus, als jemand am Straßenrand pöbelt. Sicher ein Nazi. Das „Scheiße im Hirn!“ drückt dann auch schon alles aus, was die Demonstrant*innen über die verschreckten Passant*innen zu wissen meinen. Und es drückt noch zwei andere Dinge aus: Eine arrogante, elitäre Haltung und die Unfähigkeit, strategisch zu denken.

Es gibt im Gegensatz dazu natürlich auch in Bayern viele gute linke Projekte, die aus der Bevölkerung heraus entstanden sind, gemeinsam mit Leuten, die sich über linke Politik bis dato keine Gedanken gemacht haben. Projekte, die auch ernsthaft versuchen, anknüpfungsfähig zu sein, und ihre Inhalte in die Gesellschaft hineinzutragen. Wohrauminitiativen oder Zusammenarbeit mit diversen zivilgesellschaftlichen Gruppen in antifaschistischen Bündnissen und Umweltinitiativen – nur um einige Beispiele zu nennen. Doch es gibt eben auch die andere, die unnahbare, die sich abschottende Linke.

Hinter dem Seitentransparent blitzen Sonnenbrillen hervor, keine Augen, die Blickkontakt suchen, kein „reiht euch in die Demo ein!“

In meiner Kindheit und Jugend habe ich, gemeinsam mit meinen Eltern, lange in einem südostoberbayerischen Provinznest am Rand der Alpen gelebt. Als „Zuagroaste“ (Zugereiste) – wir kamen aus einer Kleinstadt in der Nähe, wurden wir erst einmal misstrauisch beäugt. Die bayerische Kultur mit ihren Trachten- und Schützenvereine habe ich immer als eigenen Kosmos wahrgenommen, zudem ich wenig, bis keinen Zugang hatte – und daran auch kein Interesse. Zum einem kleinen Eklat kam es, als ich im Schulbus von Älteren gefragt wurde, ob meine Eltern auch brav die CSU wählen würden. Ich antwortete mit „na, natürlich ned“. Ein Na zur CSU reicht in manchen Ortschaften des bayerischen Hinterlandes schon aus, damit aus dem kritischen Beäugen Ablehnung wird.

An der Bushaltestelle, an der ich jahrelang morgens auf den Schulbus wartete, stand öfter auch eine junge Frau, die, etwas alternativer gekleidet, aus der Menge hervorstach. Die jungen Männer die mit ihr an der Bushaltestelle warteten, bezeichneten sie gerne als „bläde Kommunistensau“. Meine Politisierung entstand nicht zuletzt als Reaktion auf diese Erfahrungen von Ausgrenzung, ich begann, die Tagebücher von Che zu lesen, Schriften von Rudi Dutschke und der Roten Armee Fraktion.

Erst vor wenigen Tagen wurde ein junger afghanischer Mann vor einer Disco in Rosenheim brutal zusammengeschlagen – von Männern in bayerischer Tracht

Auch über Menschen, die nicht weiß sind, und über Roma und Sinti wurde an der Bushaltestelle geredet – die Wörter die dabei fielen will ich hier nicht wiedergeben. Ich will mir gar nicht vorstellen, mit welcher Aggression Menschen, die nicht aus Deutschland kommen, die Migrant*innen sind, oder als solche wahrgenommen werden, in so manchem Ort des bayerischen Hinterlandes konfrontiert sind. Die Blicke die sie treffen habe ich nie zu spüren bekommen. Erst vor wenigen Tagen wurde ein junger afghanischer Mann vor einer Disco in Rosenheim brutal zusammengeschlagen – von Männern in bayerischer Tracht. Die Leute, die das Geschehen beobachteten, hätten den am Boden liegenden blutenden Asylbewerber ausgelacht, berichten lokale Medien.

So etwas macht im ersten Moment traurig und im zweiten sehr wütend. Was sind das nur für Leute, was ist das nur für eine Kultur, die für die, die nicht zu ihr gehören, nur Ausgrenzung und Schläge übrig hat? Als Linker kenne ich diese Gedanken, den Reflex, die urtümliche alpenländische Kultur zu verachten weil die, die sie leben, so oft rassistische Arschlöcher sind. Doch dieser Reflex ist nicht nur zu vereinfachend, schließlich gibt es auch auf dem Land nicht wenige „Urbayern“, die beispielsweise geflüchtete Menschen unterstützen – er ist auch strategisch falsch.

Die Probleme ähneln sich, in Rosenheim, in Regensburg, im Münchner Umland. Kleine linke Zentren und Veranstaltungsorte gibt es dort, irgendwo in Wohngebieten, abseits vom Schuss. Abwehrkämpfe werden geführt, man überlebt, überfordert, vereinzelt. Alle paar Monate ploppen in irgendeinem dieser Käffer neue Gruppen auf, neue linke Projekte, ein neuer Versuch – dieses Mal klappt es. Einem dieser Plopps verdanken wir muscovado – ohne ihn gäbe es diese Zeilen wohl nicht. Es geht nicht darum, alles schlechtzureden, und schon gar nicht darum, alte Lagerkämpfe wiederaufzuwärmen, oder den Mitstreiter*innen vor den Kopf zu stoßen. Es geht darum, Wege aus der Sackgasse zu finden.

Das mit der Heimat und der „Scheiße im Hirn“ ist eine dieser Sackgassen: Linkssein und linkes Handeln wird in der bayerischen Provinz oft dadurch gelebt, dass man das Gegenteil von dem tut, was man für den üblichen Ausdruck

Was kann denn der Hirsch dafür?

des rechtskonservativen Spießerdaseins hält. Und dass man diese bayerische Heimat und ihre Kultur, auf die sich in Bayern immer noch viele Menschen positiv beziehen, für das Allerletzte hält. Daraus folgt: Nicht ins Bierzelt gehen, kein Dirndl und keine Lederhosen tragen und auf jeden Fall nicht Dialekt sprechen, diese Kartoffeln am besten erst gar nicht anschauen – wie fortschrittlich ist das denn!

Naja… ist es nicht. Die Haltung, die hinter dem Spruch mit der Heimat und der Scheiße steht, ist nicht nur strategisch unklug, sondern auch von der Sache her falsch. Denn Inhalt und Form sind verschiedene Dinge, auch wenn sie oft identisch scheinen und nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Ein Bärenkostüm macht aus einem Menschen noch keinen Bären, genauso wie jemand der eine Lederhose anzieht nicht automatisch ein besoffener rechtsoffener Sexist ist. Weder Bärenkostüm noch Lederhose haben automatisch etwas mit ihrem Inhalt zu tun. Der Maibaum ist erst einmal ein bemalter Stamm, das Dirndl ein Stück verzierter Stoff. Beide, Maibaum und Dirndl, sowie auch viele andere Formen kulturellen Ausdrucks sind, so, wie auch überall anders auf der Welt, erst einmal Form, nicht Inhalt. Der Inhalt bestimmt sich über die Leute, die sich der Form annehmen.

Ähnlich verhält es sich im Übrigen auch mit der Heimat: Man kann sie als Blut- und Bodenideologie auslegen, oder als Gegend, die man aus verschiedenen Gründen gerne hat, deren Bewohner*innen man aber nicht für besser oder schlechter hält, als Menschen aus anderen Gegenden. Eine Region, in der man gerne mit anderen zusammenlebt, egal woher sie kommen. Marx hat Recht: Die Arbeiter*innen haben kein Vaterland. Eine Heimat allerdings haben sie schon. Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen der „Liebe“ zu Nation und Nationalstaat – Patriotismus und Nationalismus, und dem positiven Bezug zu einem Daheim – das mit dem Staat nichts zu tun hatben muss. Die Heimat an sich abzulehnen, oder ihre Abschaffung zu fordern, negiert eine gesellschaftliche Realität – die Realität, dass viele Menschen die Region, aus der sie stammen, auch mögen. Und Realitätsverweigerung macht in den seltensten Fällen etwas besser. Heimat ist nicht gleich Nation, ist nicht gleich „Scheiße im Hirn“.

Marx hat recht: Die Arbeiter*innen haben kein Vaterland. Eine Heimat allerdings haben sie schon

Linke, die der Verbundenheit mit dem bayerischen Brauchtum und seiner Heimat mit Häme und Arroganz begegnen, machen sich zu Erfüllungsgehilfen der Rechten. Denn sie sind es, die über uns verbreiten, dass wir die Gegner*innen der einfachen Bevölkerung wären, Gegner*innen ihrer Kultur und Heimat. Tun wir ihnen nicht den Gefallen, diesem Bild zu entsprechen. Um das Verhältnis der Linken zur bayerischen Kultur besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Geschichte des deutschen Nationalstaates: Die deutsche Nation ist nichts, was einfach irgendwann da war, sondern in den vergangenen Jahrhunderten als mehr oder minder erzwungener Zusammenschluss verschiedenster Regionen, Kulturen, Sprachen und Dialekte entstanden. Die materielle Grundlage des deutschen Nationalstaates bildet die Industrialisierung und der Wunsch der aufstrebenden Kapitalist*innenklasse nach einheitlichen Regelungen für die Verwertung des Kapitals, sowie nach der Aufhebung der Zölle zwischen den vielen Fürstentümern und Königreichen.

Nun hat es so ein Nationalstaat an sich, dass er, im „besten“ Fall, eine kulturelle Vereinheitlichung und Schaffung einer einheitlichen Nation durch Assimilierung „nur“ propagiert und sie, im schlimmsten Fall, mit Völkermorden und anderen Vernichtungsaktionen erzwingt. Da es auch in der entstehenden deutschen Nation keine einheitliche

Linke Strategiesuche (G7-Gipfel Elmau)

Sprache und Kultur gab – genaugenommen gar keine Kultur, die sich als deutsch verstehen ließe, musste beides erst konstruiert werden. Erreicht haben das die deutsche Bourgeoisie und patriotische Liberale aber mitnichten durch eine einfache Vermischung der verschiedenen Kulturen und Dialekte: Spätestens als 1866 der Norddeutsche Bund unter preußischer Vorherrschaft ausgerufen wurde, baute Preußen im deutschsprachigen Raum eine Hegemonie auf, die sich bis heute auch sprachlich und kulturell bemerkbar macht.

Was Deutschland heute ausmacht ist auch Ergebnis der Durchsetzung der preußischen Kultur und des preußischen Dialekts, den man heute Hochdeutsch nennt. Nicht zuletzt die von CDU, AfD und Co. So oft beschworenen „deutschen Werte“ stammen aus dieser Zeit – es sind die „Werte“ des preußischen Militärs: Pünktlichkeit, Sauberkeit, Gehorsam. Dieser alte antisemitische Militarist mit dem Ranzelbart… entschuldigt, Bismarck, hätte daran wohl heute noch seine Freude.

Was Deutschland heute ausmacht ist auch Ergebnis der Durchsetzung der preußischen Kultur und des preußischen Dialekts, den man heute Hochdeutsch nennt

Über Hegel, der den preußischen Staat ebenfalls in den Himmel hob, und ihn ihm den Weltgeist des Fortschritts am Werk sah, gelangte die Ideologie des angeblich fortschrittlichen Strebens nach einem einheitlichen Staatswesen, auch in die Arbeiter*innenbewegung – der Hegelschüler Marx trug den positiven Bezug auf den Nationalstaat und seinen krampfhaften Hang zur Vereinheitlichung von Kultur uns Sprachen, in die Linke. Dort wirkt er bis heute nach.

In der Arroganz, die viele Linke gegenüber dem Urtümlichen, gegenüber den Bräuchen der Landbevölkerung an den Tag legen, spiegelt sich die Arroganz der preußischen Herrschenden. Es ist die elitäre Haltung der städtischen Bourgeoisie und des Kleinbürgertums gegenüber der bäuerlichen Bevölkerung und den einfachen Leuten, die sich nicht losreißen lassen wollen von den alten Traditionen. Wer das nicht glauben mag, oder es für konstruiert hält, der*die kann sich die Frage stellen, wieso er*sie bayerische Dialekte als rückschrittlich wahrnimmt, das Hochdeutsche jedoch nicht. Es sind Mechanismen, derer sich die, die sie ausleben, wohl im Regelfall nicht bewusst sind. Doch wenn wir als Linke im bayerischen Hinterland etwas reißen wollen, dann müssen wir diese Reflexe reflektieren.

Wenn wir unseren Blickwinkel verändern, dann können wir in den kulturellen Eigenheiten Bayerns Chancen, statt nur Hürden für den Fortschritt erkennen. Sie können ein Hebel sein, um Nationalismus und Nationalstaat argumentativ auseinenderzunehmen. Wenn mal wieder gegen Einwanderer gehetzt wird, weil sie angeblich die kulturelle Eigenheit der Angestammten bedrohen, dann kann man den Leuten, die das tun, klarmachen, dass nicht die Migrant*innen und Geflüchteten ihre Kultur zurückdrängen, sondern es vielmehr der Nationalstaat ist, der

Es gibt kein ruhiges Hinterland!

vereinheitlichend wirkt und dabei ist aus zig Dialekten und Kulturen einen Einheitsbrei macht. Das wäre im Regelfall wohl effektiver, als den Leuten ein „Scheiße im Hirn“ – oder andere plumpe Sprüche hinzurotzen.

Wer die Vielfalt mag, sollte bei Maibäumen und Lederhosen keine Ausnahme machen. Natürlich kann an dieser Stelle erwidern, dass auch kulturelle Eigenheiten nicht per se fortschrittlich oder gar antinational sind. Aber das Gegenteil sind sie eben auch nicht – zumindest nicht automatisch. Orientieren können wir uns bei dieser Auseinandersetzung an den Erfolgen von Bewegungen wie der EZLN im mexikanischen Hinterland, der Geschichte der Partisan*innenbewegungen in den Alpen, oder der linken Bewegung in Rojava und anderen Teilen Kurdistans. Sie knüpfen an die Kulturen der Bevölkerung an, und versuchen sie dort, wo es nötig ist, zu transformieren. Klar, die Zeit der Partisanenkriege in Europa ist vorbei, und Kurdistan und Chiapas sind nicht Bayern. Doch lernen können wir von diesen Bewegungen trotzdem so einiges.

Wenn es linken Bewegungen gelingt, im bayerischen Hinterland einen Keil zwischen urtümliche Kultur und völkische Vorstellungen zu treiben, dann wäre schon mal viel erreicht. Anknüpfen kann die Linke dabei auch an den wiederständigen und antiautoritären Teil der bayerischen Geschichte: Allen voran an die bayerische Räterevolution nach dem Ersten Weltkrieg. Wie wäre es, der Geschichte von König Ludwig und anderen komischen Typen, die in Bayern gerne hochstilisiert werden, eine Geschichte von unten entgegenzusetzen?

Wenn es linken Bewegungen gelingt, im bayerischen Hinterland einen Keil zwischen urtümliche Kultur und völkische Vorstellungen zu treiben, dann wäre schon mal viel erreicht

Zu tun ist, was das Verhältnis zwischen linken Bewegungen und der bayerischen Kultur betrifft, noch viel. Für die bayerische Linke bedeutet das, die eigenen Reflexe zu reflektieren und mit den Leuten, ja, auch mit denen in Tracht, ins Gespräch zu kommen. Das wird in vielen Fällen nicht einfach sein, und auch zu Enttäuschungen führen. Aber wenn wir als Linke mehr sein wollen, als nur eine Strömung, die an den Rändern der Gesellschaft vor sich hinvegetiert, dann bleibt uns auch nichts anderes übrig. Der Widerspruch zwischen linken Ideen und bayerischer Kultur und Heimat wird nicht dadurch aufgebhoben, dass man letztere einfach nur negiert. In einem dialektischen Verhältnis durchdringen sich die Gegensätze gegenseitig – in der Aufhebung des Widerspruchs sind beide enthalten, nur eben in einer „höheren“ Form. Oder weniger umständlich formuliert: Ran an den Stammtisch, Genoss*innen!

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