Die neuen Gotteskrieger

Im Irak erlebt die schiitische Spielart des radikalen Islam mit der PMU-Miliz ein Revival. Unterstützt wird der Kampfverband vom Iran und der Regierung in Bagdad

Von Anselm Schindler

Es droht wieder Krieg in Irakisch-Kurdistan. Am Freitag rückte die irakische Armee auf die ölreiche kurdisch-arabische Stadt Kirkuk vor, und besetzte im Süden der Stadt einige Dörfer, in der Nacht auf Samstag kam es zu ersten schweren Gefechten. – Hintergrund ist der Streit um das Unabhängigkeitsreferendum, bei dem Ende September mehr als 90 Prozent der Wähler für eine Loslösung vom Irak stimmten. Dann tauchten auf Twitter Fotos von irakischen Soldaten auf, die vor brennenden kurdischen Fahnen posieren. Unterstützt wird die irakische Armee von einem schiitischen Milizenverband, der PMU.

Die People Mobilization Units (arabisch Al-Haschd asch-Schaʿbī ) wurden vor einigen Jahren gegründet, um die korrumpierte und geschwächte irakische Armee zu unterstützen, doch längst sind sie zu einem der mächtigsten Milizenverbände Westasiens aufgestiegen.

Die schiitische Auslegung des politischen Islam schien lange Zeit nicht mehr interessant zu sein. Wenn es in den vergangenen Jahren um Jihadismus ging, dann dominierte die sunnitische Terrormiliz des sogenannten Islamischen Staates das Bild. Doch im Windschatten des Krieges gegen den sogenannten Islamischen Staat gewinnt im Irak und in Syrien die fundamentalistische Auslegung des schiitischen Islam wieder stark an Einfluss. Gefördert vom schiitischen Regime im Iran und der Regierung in Bagdad.

Nach der Zerschlagung des Hussein-Regimes 2003, entließen die US-Besatzer Angehörige gemäßigter und radikaler schiitischer Kampfverbände aus den Gefängnissen – und auch schiitische Milizangehörige, welche bis dato im Iran im Exil waren, durften in den Irak zurück. Darunter Gruppen wie der „Hohe Rat für die Islamische Revolution im Irak“, der sich der Lehre von Ayatollah Khomeinis verschrieben hat, dem Anführer der islamischen Revolution im Iran. Inmitten des Chaos des irakischen Bürger*innenkrieges haben die schiitischen Milizionäre bereits vor einigen Jahren begonnen, sich zu reorganisieren. Gefördert von der Regierung in Bagdad und vom Iran erlebt der schiitische politische Islam im Irak ein Revival.

Die US-Besatzung erlaubte schiitischen Fundamentalisten die Rückkehr in den Irak

Diese Reorganisierung war nicht zuletzt eine Reaktion auf die Offensiven des sogenannten Islamischen Staates. Im Juni 2014 eroberte die IS-Miliz die irakische Millionenstadt Mossul: Ganze Landstriche wurden von den Klerikalfaschisten einfach überrannt, erst kurz vor Bagdad kam die sunnitisch-djihadistische Angriffswelle ins Stocken. Die irakische Armee, seit ihrer Zerschlagung im letzten Irakkrieg nur noch Schatten ihrer selbst, hatte den Jihadisten nicht viel entgegenzusetzen. Um einen weiteren Vormarsch aufzuhalten, rief der schiitische Geistliche Ayatollah Ali Sistani alle jungen Männer des Irak dazu auf, Widerstand gegen den sunnitischen Terror zu leisten. Daraufhin schlossen sich zehntausende den bereits bestehenden schiitischen Milizen an oder gründeten neue.

Aus dem Sammelsurium von Kämpfergruppen entstand ein Dachverband, die Volksmobilisierungskräfte, im englischsprachigen Raum unter dem Kürzel PMU, People Mobilization Units bekannt. Auf arabisch: Al-Haschd asch-Schaʿbī – was auf Deutsch so viel wie „Volksmobilmachung“ bedeutet. Die Schlacht um die einstige IS-Hochburg Tikrit im März 2015 wurde für die PMU zur Feuerprobe, gemeinsam mit der irakischen Armee eroberten sie die Stadt binnen eines Monats. Die Angaben, wie groß die PMU inzwischen wirklich ist

Kämpfer der Al-Haschd asch Schaabi. Fotoquelle: syria.liveuamap.com

, gehen weit auseinander – die Rede ist von bis zu 120.000 Mann. Ihren Sold beziehen sie direkt aus irakischer Staatskasse. Auch ihre Waffen bekommen sie von der irakischen Regierung, sie stammen teils aus den USA, teils aus dem Iran. An der Unterstützung, die die Miliz vom Iran erhält, gab es von Seiten sunnitischer Iraker immer wieder Kritik, sie lehnen auch die streng schiitische Ausrichtung der Miliz ab. Im mehrheitlich sunnitischen Westen des Irak gab es in den vergangenen Monaten auch immer wieder Proteste gegen die stärker werdende Präsenz der Al-Haschd asch-Schaabi, der Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen auch Kriegsverbrechen vorwerfen.

Ideologisch speist sich die Al-Haschd asch-Schaabi aus verschiedenen radikal-schiitischen Strömungen: Aus Anhängern des Obersten Islamischen Rates im Irak, einer vom Iran beeinflussten schiitischen Partei, aus schiitischen Gruppen, die im Irak bereits gegen die US-Besatzung kämpften oder im syrischen Bürgerkrieg involviert sind und diversen anderen mehr oder minder vom Iran und schiitischen irakischen Parteien beeinflussten Gruppen. Insgesamt gehören dem Milizenverband rund 40 verschiedene Organisationen an. Fernziel ist ein schiitischer Korridor, der vom Iran über den Zentralirak und Syrien bis hin zur östlichen Mittelmeerküste reichen soll.

Fernziel: Ein Korridor vom Iran bis zur Küste des Libanon

Doch mit steigendem Einfluss kommt die PMU nun zunehmend in Widerspruch zu den Interessen der USA. Vor rund einem Jahr erlangte die schiitische Milizorganisation die Kontrolle über Verbindungsstraße zwischen der ehemaligen syrischen IS-Hochburg Raqqa und Mossul, ihrem irakischen Pendant. Die Offensive fand im irakisch-syrischen Grenzgebiet statt und war eng mit der irakischen Armee abgestimmt. Doch während die US-Regierung die irakische Regierung bei ihren Offensiven gegen Daesh seit Jahren mit Luftschlägen unterstützt, war ihr die Ausbreitung der PMU ein Dorn im Auge, steht diese neben der Regierung in Bagdad auch sehr eng mit dem Erzfeind Iran in Verbindung. Seither wurde die Miliz laut eigenen Angaben immer wieder von US-Luftschlägen getroffen. Der letzte große Luftangriff auf die Miliz fand im August diesen Jahres in der syrisch-irakischen Grenzregion statt, dabei wurden auch Kommandeure der Miliz getötet.

Fernziel: Vorstoß bis zum Mittelmeer. Fotoquelle: syria.liveuamap.com

An der Befreiungsoffensive auf die ehemalige irakische IS-Hochburg Mossul war die PMU nicht direkt beteiligt, der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi schloss einen Einsatz in der Stadt bereits in den Monaten vor der Offensive aus. Ihm war klar, dass die schiitische Miliz nicht nur von der Daesh-Besatzung, sondern auch von vielen Einwohner*innen der stark sunnitische geprägten Stadt als Feind wahrgenommen werden könnte. Deshalb beschränkten sich die Strategen in Bagdad darauf, die Miliz nur im Umland von Mossul einzusetzen. Zwei Autostunden westlich der Millionenstadt stieß die PMU im Mai diesen Jahres bis nach Şingal (Sindschar) vor, der ezidischen Provinz, die im nordwestlichsten Teil der kurdischen Autonomieregion des Irak liegt. Dort verbündeten sie sich mit den, von der kurdischen Arbeiterpartei PKK unterstützten, ezidisch-kurdischen Volksverteidigungskräften YBŞ.

Die Zusammenarbeit von YBŞ und PMU zeigt, wie fragil die Bündniskonstellationen sind, die im Irak gegen Daesh geschmiedet werden: Denn mit der PMU kämpfen die ezidisch-kurdischen Einheiten Seite an Seite mit einer Miliz, die verlängerter Arm zentralirakischer und iranischer Interessen ist. Und sowohl die iranische, als auch die irakische Regierung stehen den Autonomiebestrebungen der Ezid*innen und aller anderen Kurd*innen eigentlich feindlich gegenüber.

Im Şingal kommt es auch zu Zusammenstößen mit der PKK

Dass die Präsenz der Al-Haschd asch-Schaabi in Şingal deshalb Spannungen hervorrufen würde, war von Anfang an klar – vor einigen Wochen kam es dann auch zu den ersten Gefechten zwischen der mit den YBŞ verbündeten PKK und der schiitischen Miliz. Beide Kräfte kämpfen in Şingal um die Vormachtstellung, die Lage ist mehr als verworren: Vor einigen Monaten rief ein Teil der Bevölkerung Şingals die Demokratische Autonomie aus – das Vorbild ist die Selbstverwaltung in Rojava. Mit der PKK, die die ezidische Bevölkerung 2015 von der Schreckensherrschaft des IS befreite – und damit weitere Massaker und Massenvergewaltigungen durch den Islamischen Staat verhinderte – haben sich auch die Ideen des Demokratischen Konföderalismus in Şingal verbreitet.

Das allerdings passt weder der kurdischen Autonomieregierung im Nordirak, noch der Zentralregierung in Bagdad. Die Präsenz der Al-Haschd asch-Schaabi in der Region Şingal und ihre Zusammenarbeit mit den YBŞ ist deshalb nicht zuletzt dem Versuch geschuldet, einen Keil zwischen die PKK und die ezidische Bevölkerung zu treiben.

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