Out of Rosenheim – Warum kommunistische Praxis nur gegen Bayern funktioniert. – #ReclaimTheAlps Teil 2

Wie kann linke außerparlamentarische Politik im bayerischen Hinterland aussehen? Woher kommt die Isolation linker Bewegungen in Bayern und was können wir tun, um sie zu durchbrechen? Fragen, mit denen sich verschiedene Autor*innen in der Reihe #ReclaimTheAlps beschäftigen. Die Texte geben die Meinung des*der jeweiligen Autor*in wieder. Gerne könnt ihr uns auf redaktion@muscovado.orgschreiben, was ihr dazu denkt. Wir freuen uns auf eine hitzige und solidarische Diskussion.

Im zweiten Teil kritisiert die Münchner Gruppe „project_C“ den Text „Ran an den Stammtisch„, den ersten Teil der #ReclaimTheAlps –  Reihe.


Auf der Suche nach der verlorenen Hoffnung auf die allgemeine Emanzipation versucht die Reihe „#Reclaimthealps“ in „Muscovado“ über Perspektiven linker Politik im bayrischen Hinterland zu diskutieren. Den Aufschlag lieferte der Redakteur Anselm Schindler in einem Text mit dem unsympathischen Titel „Ran an den Stammtisch“. Als ob die Linke in ihrer überwältigenden Mehrheit jemals schon etwas anderes getan hatte außer der Götze Volk zu huldigen, erscheint es Schindler als eine besonders kreative Taktik, Volk und Heimat als Ansprechpartner linker Politik und Taktiererei zu verzerren. Dabei verkennt er, dass der Stammtisch noch nie ein Ort war, welcher kommunistischer Kritik, beispielsweise des Antisemitismus, ein Forum geboten hat. Stattdessen will Schindler mit „den Leuten, ja, auch denen in Tracht, ins Gespräch“ kommen und linke „Reflexe reflektieren“, wobei es sprachlich ganz gewaltig holpert. Es geht ihm darum, den Widerspruch von bayrischer Kultur und Wirklichkeit und linken Ideen aufzuheben, wobei in der Aufhebung beides, also bayrische Kultur und linke Ideen vorhanden seinen, nur eben nicht mehr widersprüchlich.

I.
Schindlers individuelle Konstruktion der bayrischen Wirklichkeit als einer, welche für die Linke anschlussfähig ist, funktioniert freilich nur gegen empirische Basisbanalitäten. So wird die bayrische Tracht pseudohegelianisch zur bloßen Form, welche von ihrem_ihrer Inhalt genannten reaktionären Träger_in losgelöst vor sich hin konstruiert wird: „Das Dirndl [ist; p_C] ein Stück verzierter Stoff“. Genauso wie auch das Braunhemd oder die Wehrmachtsuniform nur einfache Kleidungsstücke sind, offenbart Schindler, dass er weder etwas von Hegel noch von der „Form“ Tracht versteht, beziehungsweise auf bösartige Weise verzerrt. Dass die Tracht von den bayrischen Freikorps bei der Niederschlagung der Münchner Räterepublik als Zeichen ihrer völkischen Gesinnung getragen wurde; dass das Dirndl in seiner heutigen Fassung von den Nationalsozialisten erfunden wurde, um die Volksgemeinschaft auch modisch zu manifestieren; dass der Erwerb von Tracht seit den Wittelsbachern bis vor wenigen Jahrzehnten noch vom bayrischen Staat finanziell unterstützt wurde, da es ein modisches Bekenntnis zum bayrischen Staat darstellte; all das fällt bei Schindler unter die Trachtenjope der Geschichte. Ähnliche Unschärfe wiederholt sich bei Schindler, als er im Anflug antipreußischen Ressentiments, wie es dümmer nicht in jedem Bauerntheater vorkommen könnte, sich zu Bemerkungen der Konstitution des deutschen Nationalstaats hinreißen lässt. Im Gegensatz zur bayrische Kultur, zu deren Ursprüngen Schindler kein Wort verliert, erkennt er sehr klar, dass: „Die deutsche Nation ist nichts, was einfach irgendwann da war, sondern in den vergangenen Jahrhunderten als mehr oder minder erzwungener Zusammenschluss verschiedenster Regionen, Kulturen, Sprachen und Dialekten entstanden.“ Das ist zwar richtig, als Ehrenrettung Schindlers dennoch nicht zu gebrauchen, da selbiges sich auch über Bayern erzählen ließe, was von Schindler jedoch nicht gemacht wird. Stattdessen wird dem kugelrunden Schnauzbartträger mit Berliner Dialekt aus dem Komödienstadl die treibende Rolle bei dieser Vereinheitlichung der Einzelstaaten des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation zugesprochen. Preußen erscheint als die von außen kommenden Kraft, welches die kulturellen Eigenheiten Bayern unterdrückt und es dem deutschpreußischen Einheitsbrei einordnet. Gewährsmann dessen ist Bismarck, welcher zutreffend als Antisemit gekennzeichnet wird, während über Antisemitismus im bayrischen Brauchtum, wie etwa vorgebracht durch Ludwig Thoma oder Namensvetter Ganghofer, beharrlich geschwiegen wird. Antisemiten, das sind immer die Anderen! Bei derlei Geschichtsbetrachtungen auf dem Niveau einer 9.Klasse auf dem bayrischen Gymnasium¹ fällt dann, neben dem Antisemitismus beispielsweise bayrischer Literaturikonen, die Tatsache unter dem Tisch, dass jene Praktiken, welche den Aufstieg Preußens zum Hegemon innerhalb des deutschen Reiches ermöglichten, eine bayrische Erfindung sind: Graf Montgelas, Kanzler des bayrischen Wittelsbacherkönigs Ludwig I., schuf in Bayern zuerst den Beamtenstaat, welcher später von Preußen übernommen wurde, ebenso wie er aus dem zum damaligen Zeitpunkt extrem disparaten Wittelsbacher‘schen Herrschaftsgebilde einen einheitlichen bayrischen Staat samt entsprechender Kultur und Ideologie schuf. Beim Tanz um das braune Kalb geht dabei auch die letzten Rest von kritischer Vernunft und Verstand verloren. Bei so viel begrifflichem Durcheinander, Fahrlässigkeit und offensichtlicher inhaltlicher Verwirrung wundert es auch nicht mehr, wenn Schindler zu derart irrsinnigen Feststellungen kommt, wonach ausgerechnet jene Linken (die im Übrigen in der krassen Minderheit sind), welche dem bayrischen Brauchtum gegenüber einzig angemessen reagieren, nämlich arrogant und hämisch, sich zu Erfüllungsgehilfen der Rechten machen würden, und nicht eher jene Linken, welche seit Lassalle den Rechten permanent nach dem Munde reden. (vgl. Noske, Stalin, Wagenknecht) Auch dass Schindler allen Ernstes und ohne rot zu werden Marx unterstellt, er hätte „den positiven Bezug auf den Nationalstaat und seinen krampfhaften Hang zur Vereinheitlichung von Kultur uns [sic!] Sprachen“ in die Linke getragen, grenzt nicht nur an Beleidigung des konsequenten Staatsfeindes Marx, ist an den Haaren herbeigezogen und ohne jedwede Grundlage.

II.
Schindlers Argumentation funktioniert also folgendermaßen: Nationalismus wird von ihm kritisiert, jedoch auch nicht mit bayrischer Kultur identifiziert. Dies gelingt ihm, wie gerade gezeigt, mitunter nur gegen empirische Faktizitäten. Jedoch auch auf einer theoretischen Ebene bleibt Schindler begriffslos, weshalb es ihm gelingt, seine These einigermaßen kohärent zu konstruieren. Diese Begriffslosigkeit umfasst dabei zwei Bereiche: Zum einen hat er keinen Begriff von Staat, weshalb er die innere Dialektik der Vergesellschaftung nicht zu erfassen vermag, zum anderen phantasiert er eine Grenze zwischen herbei, die sich inhaltlich überhaupt nicht ziehen lässt. Zunächst verkennt Schindler die dialektische Struktur nationalstaatlicher Vergesellschaftung. Nicht nur vor dem historischen Material blamiert sich seine Idee der Vereinheitlichung der bayrischen Kultur durch den preußischen Nationalstaat, sondern auch theoretisch ist diese Vorstellung hanebüchend: Das Wesen nationalstaatlicher Vergesellschaftung besteht gerade darin, eine Gleichzeitigkeit von Gleichheit und Freiheit der Staatsbürger zu konstituieren. Die Gleichheit der Staatsbürger bezieht sich dabei vor allem auf deren Gleichheit als Rechtssubjekte: Jeder Staatsbürger ist gleich an Rechten. Bei diesen Rechten handelt es sich zu einem Gutteil um Freiheitsrechte wie etwa Religions-, Versammlungs- oder Reisefreiheit. Die Gleichheit der Staatsbürger besteht also in der Gleichheit der Garantie der individuellen Entfaltung, welche über Rechte reguliert wird, sodass Gesellschaftlichkeit erzeugt wird. Eine Reduktion nationalstaatlicher Vergesellschaftung auf die Vereinheitlichung der Menschen ist also schlichtweg falsch, denn diese Vereinheitlichung besteht nur in Verbindung mit der Ermöglichung individueller Freiheiten. Freilich realisieren sich diese individuellen Freiheiten oftmals nur negativ, also als die Abwesenheit von individueller Freiheit. Und an diesem Punkt müsste die kommunistische Kritik einsetzten: Als eine Selbstkritik des bürgerlichen Gleichheits- und Freiheitsversprechens. Erst die Erkenntnis, wonach die bürgerliche Gesellschaft daran scheitert, ihrem eigenen Anspruch nach einem guten Leben für alle zu realisieren, macht kommunistische Kritik als antibürgerliche notwendig. Denn diese begründet, warum es der bürgerlichen Gesellschaft unmöglich ist, in ihrer Staatsform des Nationalstaats diesen Anspruch zu realisieren. Demnach stehen dieser Ermöglichung eines schönen Lebens für alle materiell-ökonomische Notwendigkeiten entgegen: Der bourgeois als Wirtschaftssubjekt des bürgerlichen Gesellschaft steht in einem ständigen Konkurrenzverhältnis zueinander, welches aus der Notwendigkeit der Reproduktion der eigenen objektiv-materiellen Existenzgrundlagen, dem Eigentum sich ergibt, welches zur Reproduktion jedoch ständiger Akkumulation bedarf.² Der citoyen als Rechtssubjekt der bürgerlichen Gesellschaft ist wiederum durch die nationalstaatliche Rechtsordnung Gleicher und Freier zueinander, also nicht in Konkurrenz zueinander. Daher treten in der kapitalistischen Vergesellschaftung Staat und Gesellschaft auseinander, weshalb die Reduktion auf den Aspekt der Vereinheitlichung nur halb richtig und daher ganz falsch ist. Der kommunistischen Kritik geht es daher nicht um die Antizipation emanzipatorischer Gehalte innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, sondern um die Abschaffung derselben im Medium der Selbstkritik dieser bürgerlichen Gesellschaft. ³ Daher kann eine kommunistische Kritik keine Teilaspekte der gegenwärtigen Gesellschaft, wie etwa die „urtümliche Kultur“, als Ausgangspunkt einer revolutionären Bewegung ausmachen, stattdessen stellt die Kritik den Ausgangspunkt dieser Teilaspekte dar. Volk, Nation oder Staat, egal welcher Provenienz, sind keine Gegenstände, auf welche sich kommunistische Kritik, wenn es ihr um sich selbst ernst ist, stützen kann, sondern stützen kann sie sich nur auf die kompromisslose Denunziation von Volk, Nation und Staat als konstitutive Bestandteile des Versagens der kapitalistischen Vergesellschaftung, ein schönes und glückliches Leben für alle zu realisieren.4 Bayrische Kultur als Ausweis vorgestellter völkischer oder nationaler Substanz unterscheidet sich vom Standpunkt der kommunistischen Kritik nicht vom Preußentum oder österreichischer Mentalität und kann daher niemals revolutionär sein. Sollte es eine linke Bewegung ausnahmsweise einmal ernst meinen mit der allgemeinen Emanzipation, wäre sie gut beraten, sich dieses Mal auf die Seite der kommunistischen Kritik zu stellen und nicht wie sonst so oft in ihrer Geschichte sich als Erfüllungsgehilf_in der Reaktion. Die Seite der kommunistischen Kritik wäre, wie eben dargelegt, die Denunziation von Staat, Nation und Volk. Gegen alle Versuche ein positives Verhältnis zu Bayern und seiner strunzdummen Bevölkerung zu konstruieren ist an eine kommunistische Grundsentenz zu erinnern: Nein, wir lieben dieses Land und seine Leute nicht!

III.
Schindler will einen „Keil zwischen urtümliche Kultur und völkische Vorstellungen treiben“, doch genau das stellt eine Unmöglichkeit da. Denn bereits die Vorstellung urtümlicher Kultur ist ideologisch konstituiert und spiegelt die Spezifika der Vergesell- oder Vergemeinschaftung innerhalb eines sozialen Raumes wieder. Keinesfalls ist diese urtümliche Kultur das, was sie des Namens nach beansprucht: urtümlich. Und gerade deshalb neigt die Vorstellung urtümlicher Kultur genau zu jenen Mechanismen, wie sie Schindler dem Nationalstaat und den völkischen Vorstellungen unterschieben mag: Vereinheitlichung und Exklusion. Da diese urtümliche Kultur nichts natürliches, wesenhaftes oder sonstig ontologisch konstantes darstellt, wie es die Rede von der Urtümlichkeit sugggeriert, sondern etwa dem jeweils gegenwärtigen Stand der gesellschaftlichen Verfassung entspricht. Daher muss diese Vorstellung von den Eigenheiten und Besonderheiten des Einzelnen, von den individuellen Bedürfnissen, Fähigkeiten und Begehren absehen. Genau um diese geht es jedoch der kommunistischen Kritik: Um eine Gesellschaft in der jede und jeder nach ihren und seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten leben kann.5 Die Affirmation von Kollektividentitäten, ob Heimat, Nation oder Volk, ist nicht zu haben ohne die Affirmation der gesellschaftlichen Umstände, welche den Glauben an diese vorgestellten Kollektividentitäten konstituiert. Und gerade der selbsternannte Marxist Schindler müsste wissen, dass diese Vergesellschaftung auf Herrschaft und Unterdrückung beruht. Der kommunistischen Kritik, der es um die „Abschaffung aller Verhältnisse in welchen der Menschen ein geknechtetes, verlassenes, verlorenes und verächtliches Wesen ist“geht, steht daher jedem positiven Bezug auf ein vorgestelltes Kollektivsubjekt entgegen.7 Wer als Marxist dennoch meint, man könnte diesem Schwachsinn etwas Positives abgewinnen, kann daher gar keinen Begriff von Nation, von Wesen und Bewusstsein der bürgerlichen Gesellschaft haben, wie ihn die materialistische Kritik von Karl Marx etwa ausführte. Daher kann es auch nicht gelingen, das Wort Heimat auf irgendeine Art und Weise zu verwenden, welche diesem Anspruch gerecht wird. Wird Heimat nicht als gänzlich individuell bestimmte verstanden,und damit als Begriff gänzlich unbrauchbar, wird sie notwendig das Disparate vereinheitlichend und daher ebenso notwendig sowohl den Einzelnen unter die Gemeinschaft beherrschend unterordnet, als auch exklusiv gegenüber denjenigen, welche sich dieser Heimatsideologie „nicht einfügt, mitunter ihm widersteht.“9 Der Hass auf die Anderen und die Fremden, also die Feindschaft gegenüber LGBTIQ-Menschen, Geflüchteten oder Juden ist im Denken vom vorgestellten Kollektividentitäten somit bereits angelegt. Ein solches vorgestelltes Kollektividentität stellt auch Heimat dar. Freilich ist Heimat wesentlich unbestimmter als der Glaube an Nation, Volk und Rasse und lässt sich daher in mühseliger Diskursschufterei durch Schindler solange zurechtbiegen, bis es ihm gelingt, eine Linie zwischen die Kollektividentitäten Nation und Heimat zu ziehen, etwa weil Nation an Staat gekoppelt sein müsse. 10 Die wesentliche Gemeinsamkeit beider jedoch wird davon überhaupt gar nicht berührt: Sowohl Heimat als auch Nation sind „imagined communitiys“ (Benedict Anderson) und daher trifft die kommunistische Kritik beide gleichermaßen. Bayrische Tradition stellt somit nicht nur ein ästhetisches Ärgernis, welches auf diversen Volksfesten, Heimatabenden oder in nahezu jeder Sendung des Bayrischen Rundfunks zu bestaunen ist. Nein, die bayrische Ideologie, Heimat, Tradition stehen der Idee einer befreiten Menschheit diametral entgegen.

IV.
Nun ist aber weiterhin diesem Landstrich nichts mehr zu wünschen, wonach sich in ihm die Emanzipation der Bayern zu Menschen vollziehen sollte. Daher stellt sich die Frage, welche die Reihe #reclaimthealps stellt, weiterhin. Gleichzeitig erscheint die Fragestellung reichlich seltsam. Wüssten wir oder andere Autor*innen der Reihe die Antwort, würden wir (oder die anderen) nicht verkrampfte Pamphlete für ein Provinzblatt verfassen, sondern die rote Fahne auf der Staatskanzlei hissen. Daher kann eine solche Diskussion nur negativ stattfinden. Wir wissen lediglich wie es nicht geht und das wissen wir leider nur allzu gut, schließlich hat es die Linke in Bayern nur einmal zu einem Revolutionsversuch geschafft und der wurde von der Reichswehr und den stolzen Trachtenträgern der Freikorps niedergeschossen. Ansonsten blieb es in München bei heldenhaften Einzeltaten wie der größten, der des materialistischen Praktikers Johann Georg Elser. Wie aufgezeigt, halten wir es für falsch, auch in nur irgendeinem Aspekt der bayrischen Kultur einen emanzipatorischen Gehalt zu entdecken, welcher in den Kommunismus aufgehoben werden könnte. Wer in Bayern etwas, für die Sache der befreiten Gesellschaft, Sinnvolles erblickt, liegt erstens falsch und gerät zweitens in die Gefahr, sich an der Intifada gegen Geflüchtete und Verschwulung, welche AfD, CSU und sonstige Heimatpfleger mit fanatischer Inbrunst führen, zu beteiligen. Dabei ist die Erkenntnis, dass der Kommunismus nur mit den Menschen, ja, auch jenen in Tracht, zu realisieren sei, einerseits banal, andererseits die Aufgabe, vor welcher die kommunistische Kritik steht, grob verzerrend. Geht man, wie wir es tun, davon aus, dass es einen immanenten Zusammenhang von Wert-, Waren- und Denkform gibt, so ergibt sich daraus, dass der Kommunismus nicht eine „Weltanschauung“11 ist, sondern Ideologiekritik, die daher auch das Bewusstsein der Menschen umfassen muss, welche als revolutionäre Subjekte ausersehen wurden. Dass die Menschen Falsches tun und ein falsches Bewusstsein haben, liegt nicht daran, dass sie zu blöd sind und dauerhaft unter Alkoholeinfluss stehen (was freilich auch zutrifft), sondern dass die Verfasstheit der bürgerlichen Gesellschaft und der kapitalistischen Vergesellschaftung auch ihr Bewusstsein dahingehend strukturiert, ihr Denken den objektiven Zwängen der Verwertung anpasst. Wer also versucht, den Bauerntrottel und Trachtenseppln auf Augenhöhe zu begegnen, dem gelingt dies nur, indem er_sie seine_ihre kommunistische Kritik aufgibt und sich der bürgerlichen Denkform in einer ihrer abstoßensten Gestalten zu unterwirft. Kommunistische Kritik taugt nicht
zum „Bierzeltentertainment“ (Gerhard Polt). Die einzige Anforderung, welche sich an die kommunistische Kritik stellt ist, dass sie richtig ist, sie postuliert einen „Vorrang des Objekts“ (Adorno), an welchem sich ihre Vermittlung auszurichten hat. Dieser „Vorrang des Objekts“ lässt sich nicht parolenhaft formulieren oder im Leitartikel unterbringen. Dies erschwert kommunistische Praxis. Aber es bleibt ihr keine andere Praxis übrig, als diese, denn sonst würde sie sich von der bürgerlichen Denkform korrumpieren lassen. Ohne Zweifel, die Schaffung einer wirklichen Bewegung der Kommunist_innen gegen Bayern ist nicht sonderlich einfach, sogar außerordentlich schwierig. Aber dies ist nichts Neues: Kommunismus „ist das Einfache, das schwer zu machen ist.“12 Und vielleicht ist er in der Provinz noch schwieriger zu machen, wo jede urbane Liberalität und jeder Kosmopolitismus, welcher das bürgerliche Subjekt an seine Beschädigung erinnern könnte, durch Stammtisch, Burschenverein und allgegenwärtige Pfaffenpräsenz nur noch als Verheißung in einem barbarischen Umfeld erscheinen. „Der Hinterwälder jüngsten Stils lässt von keiner Hinterwelt sich irritieren, zufrieden mit der Vorderwelt, der er abkauft, was sie ihm mit Worten und stumm aufschwatzt.“13 Aber leichter wird diese Aufgabe definitiv nicht dadurch, dass man mit jenen Institutionen und ihren Protagonisten in den Dialog tritt. Der, gänzlich dem fetischistischen Bewusstsein der bürgerlichen Ideologie zugefallenen, Vorstellung, der Kommunismus würde sich in rundem Tisch, Bürgersprechstunde oder evangelischen Kirchentag realisieren lassen, gilt es eine alte autonome Weisheit entgegenzuhalten: Wir wollen alles! Entsprechend macht die kommunistische Kritik keine Kompromisse und keine Zugeständnisse, weder der Dirndlträgerin noch dem Stammtischbruder. Dennoch bedarf die Revolution dieser Träger bayrischen Brauchtums, nur eben nicht als solche, sondern als Menschen, die um ihre individuelle Befriedigung ihrer Bedürfnisse und Fähigkeiten ringen und daher sich von dieser kollektiven Identität als Träger bestimmter Traditionen emanzipieren. Die freie Assoziation dieser Individuen und nicht die diskursive Umdeutung von Kollektividentitäten ist die Organisationsform der kommunistischen Revolution. Das gegenwärtige Problem der Marginalisierung kommunistischer Kritik besteht jedoch, und dies ist im Hinterland noch einmal verstärkt, darin, dass bereits die Konfrontation mit der unerhörten Unverschämtheit, welche kommunistische Kritik darstellt, unterbleibt. Anders als ein Kollektivsubjekt verlangt die kommunistische Kritik um eine individuelle Auseinandersetzung mit ihr. Dementsprechend ist die allererste Bedingungen kommunistischer Praxis diejenige, wonach der_die Einzelne_r in Kontakt mit der Kritik kommen muss. Die gegenwärtig extrem schwachen Strukturen insbesondere auf dem Land müssen zwangsläufig bereits an dieser ersten ihnen gestellten Aufgabe scheitern. Anstelle also einer identitätspolitischen Konstruktion einer bayrische Kultur, welche mit linken Ideen aufgehoben werde sollte, gälte es also eher, zu diskutieren, wie die Strukturen und Institutionen kommunistischer Kritik derart umgestaltet werden können, um diese Auseinandersetzung des Einzelnen mit der Kritik verstärkt anzuregen. Die Blindheit für die eigene Schwäche, welche sich in Taktikdiskussionen und Phantastereien über den Aufbau linker Bewegungen zeigt, schlägt in Unfähigkeit zum vernünftigen Denken und Begriffslosigkeit um. Demgegenüber ist an die alte Sentenz Hegels zu erinnern, dass „wahre Gedanken nur in der Arbeit des Begriffs zu gewinnen“14 sind. Zu dieser muss die revolutionäre Praxis hinzutreten. Beides ist jenem_jener verstellt, welche_r nationalistische Stammtischparolen wiederkäut.


¹ Vgl. Bayrischer Gymnasiallehrplan

² Innerhalb dieser Perspektive erscheint auch der Proletarier als bourgeois, denn auch er ist Eigentümer. Jedoch
freilich nur Eigentümer seines eigenen Arbeitskraft und ansonsten frei von Eigentum. Zu seiner individuellen
Reproduktion ist er also darauf angewiesen, seine Arbeitskraft an den Kapitalisten, welcher über Eigentum an
Produktionsmitteln verfügt, zu verkaufen. Dieser Verkauf nimmt jedoch die Form des Äquivalententausches an,
weshalb im Tausch beide als gleichberechtigte erscheinen, auch wenn ihre verschiedenen Standpunkt im
Produktionsprozess grundlegend verschieden und ungleich sind.

³ Die Unmöglichkeit der Formulierung einer Kritik, welche die bürgerliche Gesellschaft von einem Außerhalb
kritisiert, also nicht immanent damit nicht Selbstkritik ist, ist durch die erkenntnispraktische Konstellation
kapitalistischer Vergesellschaftung begründet. Wir halten es also für unmöglich den Erkenntnishorizont der
bürgerlichen Gesellschaft zu überschreiten, weshalb unsere Kritik nicht einen Äußeren Standpunkt einnehmen
kann, sondern nur als immanente, als Selbstkritik sich vollziehen kann. Dies folgt für uns bereits aus der Marxschen
Wertformanalyse, welche eine Gleichursprünglichkeit von Wertform, Warenform und Denkform extrapoliert.
Schlicht formuliert: Die Form des Denkens in der bürgerlichen Gesellschaft ist identisch mit der Form der
Vergesellschaftung.

4 Aus dieser Erkenntnis folgt daher auch die Solidarität mit Israel als Grundbestandteil kommunistischer Kritik. Der
Zionismus als das Bemühen der Juden um eine eigene Nation konstituierte sich als Reaktion auf das Scheitern der
Judenemanzipation, des Versuches der Juden innerhalb der bürgerlichen Nationalstaaten als gleichberechtigte
Staatsbürger frei von judenfeindlicher Exklusion zu partizipieren. Der Nationalstaat Israel ist daher die Antwort auf
die Unmöglichkeit die Notwendigkeit der bürgerlichen Gesellschaft ihrem eigenen Anspruch zu entsprechen.
Israels ist daher die Staat gewordene Selbstkritik der bürgerlichen Gesellschaft, ständiges Mahnmal der
Beschädigtheit der bürgerlichen Totalität. Daher ist es keinesfalls widersprüchlich, gleichzeitig entschieden
solidarisch mit Israel und seiner Selbstverteidigung zu sein und Nation, Staat und Volk konsequent zu kritisieren,
sondern nur folgerichtig.

5 Vgl. MEW 19. S.21.

6 MEW 1. S.385.

7 Das Proletariat stellt kein Kollektivsubjekt dar. Es handelt sich um eine Gruppe von Personen, welche aufgrund von
gemeinsamen soziologischen Merkmalen, nämlich etwa des Fehlens von Eigentum an Produktionsmitteln, sich
konstituiert. Aufgrund der antagonistischen Konstellation von Kapital und Arbeit verfügt diese Gruppe über die
Möglichkeit, durch kollektive Praxis, etwa dem Streik, diese Konstellation revolutionär aus den Angeln zu heben.
Vom Kollektivsubjekt des Volkes oder der Nation unterscheidet sich das Proletariat oder auch die Bourgeoisie
durch zwei Kriterien: Erstens handelt es sich nicht um ein vorgestelltes Subjekt, sondern die Klassen beruhen auf
den objektiv-materiellen Grundlagen der Produktionsweise und zweitens handeln die Klassen keinesfalls
einheitlich, sondern die einzelnen Klassensubjekte stehen zueinander in Konkurrenz.

8 Auf eine solche Art und Weise verstanden etwa Oskar Maria Graf oder auch Theodor W. Adorno Heimat. Für sie
war Heimat die Verbundenheit mit der deutschen Sprache, welche jedoch erlernt werden kann und auch nicht einer
anderen Sprache prinzipiell überlegen ist. Die beiden fühlten sich nur in ihrer Muttersprache wohler, es, so waren
sie der Ansicht, gelang ihnen in Deutsch besser, sprachlich auszudrücken, was die dachten.

9 Adorno, Theodor W.: Auf die Frage: Was deutsch ist. In: Gesammelte Schriften. Band 10.2. Kulturkritik und
Gesellschaft II. Frankfurt/Main 2003. S.691.

10 Was ebenfalls bereits empirisch falsch ist. Man werfe nur einen Blick in den katalanischen Teil Spaniens, den
nordirischen Teil Britanniens oder „Palästina“.

11 Vgl. Lenin und Stalin

12 Brecht, Berthold: Lob des Kommunismus.

13 Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik. Frankfurt/Main 2003. S.172.
des Begriffs zu gewinnen“15 sind. Zu dieser muss die revolutionäre Praxis hinzutreten. Beides ist
jenem_jener verstellt, welche_r nationalistische Stammtischparolen wiederkäut.

14 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes. Stuttgart 1987. S.60.

 

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