Warum Kommunismus ohne Bayern nicht zu haben ist – Erwiederungen auf #ReclaimTheAlps Teil 2

Wie kann linke außerparlamentarische Politik im bayerischen Hinterland aussehen? Woher kommt die Isolation linker Bewegungen in Bayern und was können wir tun, um sie zu durchbrechen? Fragen, mit denen sich verschiedene Autor*innen in der Reihe #ReclaimTheAlps beschäftigen. Die Texte geben die Meinung des*der jeweiligen Autor*in wieder. Gerne könnt ihr uns auf redaktion@muscovado.org schreiben, was ihr dazu denkt. Wir freuen uns auf eine hitzige und solidarische Diskussion.

Im zweiten Teil von #ReclaimTheAlps kritisierte die Münchner Gruppe „project C“ den Text „Ran an den Stammtisch“ unseres Redakteurs Anselm Schindler. Hier eine Erwiederung des Autors auf diese Kritik:

Die stellenweise mackerhaft und herablassenden Art und Weise, mit der „project C“ seine Kritik formuliert, soll, ob das ihren Protagonist*innen bewusst ist oder nicht sei mal dahingestellt, offenbar kaschieren, dass die Gruppe außer einem halbgaren Apell zur Umstrukturierung linksradikaler Theoriearbeit nichts zur Strategiedebatte der außerparlamentarischen Linken in Bayern beizutragen hat. Darüber ließe sich angesichts des blinden Irrens großer Teile linker Bewegungen in weiten Teilen Europas noch hinwegsehen. Hinter dem Mantel der Kritik quillt aber auch immer wieder, nur ungenügend durch vorgeschobene Kritik sublimiert, pure Verachtung gegenüber einer Menschengruppe hervor die mit bestimmten kulturellen Merkmalen assoziiert wird.

Wer von der „Emanzipation der Bayern zu Menschen“, von der „strunzdummen Bevölkerung“ oder von „Bauerntrotteln und Trachtenseppln“ schwadroniert, denen angeblich nicht auf Augenhöhe begegnet werden könne, der*die ist entweder auf sehr plumpe Provokationen aus oder von Menschenverachtung zerfressen – und bewegt sich gefährlich nah an ein Phänomen heran, dass Soziolog*innen als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bezeichnen. Wie schon im ersten Teil der Serie analysiert, verunmöglicht eine solche Herangehensweise tatsächliche Arbeit im bayerischen Hinterland und liefert zudem weiteres Baumaterial für das rechte Narrativ, wonach die Linke der Bevölkerung generell feindlich gesinnt gegenüberstehe.

Früher war der Hass auf die einfachen Leute noch Sache der Herrschenden. Heute erledigen das selbsternannte Kommunist*innen

Früher war der Hass auf die einfachen Leute noch Sache der Herrschenden und kommunistisches Bewusstsein identisch mit Klassenbewusstsein. Geht es nach „project C“, dann ist das heute offenbar nicht mehr der Fall. Ihrem angeblichen Ziel, „die rote Fahne auf der Staatskanzlei zu hissen“ werden sie damit jedenfalls nicht näherkommen. Was die konkreten Kritikpunkte an den im Text „Ran an den Stammtisch“ vorgestellten Thesen betrifft, lässt sich feststellen, dass die Kritiker*innen den Text entweder nur überflogen haben, oder aber ganz bewusst an den dort vorgestellten Thesen und Vorschlägen vorbeiargumentieren. „Volk, Nation oder Staat, egal welcher Provenienz, sind keine Gegenstände, auf welche sich kommunistische Kritik, wenn es ihr um sich selbst ernst ist, stützen kann“ – naja… das Gegenteil allerdings hat an dieser Stelle bislang aber auch niemand behauptet.

In „Ran an den Stammtisch“ wird an keiner Stelle argumentiert, dass sich der Aufbau von Gegenmacht und die Umwälzung der Gesellschaft von links in Bayern oder anderswo in der Bundesrepublik positiv auf bestehende Strukturen wie Nation, Nationalstaat, Heimat oder Kultur beziehen sollte. Es wird lediglich einerseits bemerkt, dass diese Dinge für viele Menschen die Eckpfeiler ihrer sozialen Identität darstellen und kritisiert, dass große Teile der radikalen Linken sich im Umgang mit dieser Realität auf dem Holzweg befinden. Die Behauptung, dass im besagten Text der Stammtisch als ein gut geeigneter Platz für linke Interventionen konstruiert wird ist schlichtweg falsch. Er ist es natürlich nicht, wie von „project C“ stellenweise richtig hergeleitet.

Es geht keineswegs um die Adaption wagenknechtscher Anbiederung, sondern darum, trotz aller Widrigkeiten zu intervenieren. Auch, und gerade, weil wir nicht viele sind. Nicht, um die Metapher des Stammtisches weiter zu strapazieren, für oder gegen ihn, sondern an ihm. Zum einen, um einen Weg aus der Diktatur des kapitalistischen Sachzwangs nicht noch zusätzlich zu verschütten, zum anderen um noch schlimmeres als die bürgerliche Elendsverwaltung zu verhindern. Denn die Neofaschisten sitzen schon auf der Wartebank und machen sich im Zuge der sich zuspitzenden organischen Krisen des kapitalistischen Akkumulationsregimes bereit, um im worst case die Herrschaft des Sachzwangs auf totalitäre Art und Weise abzusichern.

Es wäre deshalb Irrsinn, ihnen den Kampf um die Köpfe kampflos zu überlassen – gerade im bayerischen Hinterland. Der Kampf um die Köpfe bedeutet dabei nicht, inhaltliche Zugeständnisse zu machen, sondern die Ebene pubertärer Provokationen zu verlassen und auch wirklich auf die Menschen zuzugehen um ins Gespräch und, wenn möglich in eine gemeinsame gesellschaftliche Praxis zu kommen.

eine Hose.

„Die Affirmation von Kollektividentitäten, ob Heimat, Nation oder Volk, ist nicht zu haben ohne die Affirmation der gesellschaftlichen Umstände, welche den Glauben an diese vorgestellten Kollektividentitäten konstituiert“, schreibt die Gruppe in ihrem Text. „Und gerade der selbsternannte Marxist Schindler müsste wissen, dass diese Vergesellschaftung auf Herrschaft und Unterdrückung beruht.“ Weiß er auch. Nur ist mit dieser im studentisch-elitären Duktus ausgedrückte Binsenweisheit auch erst einmal nicht viel gewonnen sobald man die heiligen Hallen der richtigsten aller Marx-Interpretationen verlässt, und auch nur einen Fuß in die Sphäre setzt, den die normalen Leute als Realität wahrnehmen. Sobald es nämlich um konkrete Fragen der Intervention, der Taktik und Strategie linker Bewegungen innerhalb dieser Realität geht, stellt sich die Lage ein wenig komplizierter dar, pseudoradikale Phrasen helfen in konkreten Kämpfen selten weiter.

Eine dieser Phrasen ist die Behauptung, wonach „Teilaspekte der gegenwärtigen Gesellschaft, wie etwa die `urtümliche Kultur´“ niemals als „Ausgangspunkt einer revolutionären Bewegung“ brauchbar seien. Um den Sprech der Gruppe „project C“ zu verwenden, blamiert sich diese Behauptung vor dem historischen Material und auch vor der Gegenwart revolutionärer Bewegungen. Die Realität sieht anders aus als „project C“ sie gerne hätte. Der Blick auf antikoloniale, antirassistische und antiimperialistische Befreiungskämpfe in der Vergangenheit belegt, dass die Mehrheit der revolutionären Anläufe den Kampf eines Kollektivsubjektes gegen ethnische, kulturelle oder religiöse Unterdrückung zum Ausgangspunkt hatte und sich, nur dann kann von kommunistischem Potenzial gesprochen werden, in vielen Fällen mit antikapitalistischen Kämpfen verband.

Der Kampf von Kollektivsubjekten gegen Rassismus, Antisemitismus und andere Unterdrückungsformen ist freilich nicht automatisch progressiv und kann jederzeit in neue Unterdrückungsformen umschlagen, wie die aktuelle gesellschaftliche Konstitution von auf  nationalen Befreiungskämpfen begründeten Gesellschaften vielfach belegt. Das aber tut der Ausgangsbehauptung keinen Abstrich. Und auch die gegenwärtige Realität revolutionärer linker Bewegungen, wie der in Teilen Kurdistans, der in Chiapas oder der in Westindien weist auf die Tatsache hin, dass der Kampf von Kollektivsubjekten gegen Unterdrückung und der Klassenkampf – in vielen Fällen ob neokolonialer Ausbeutung ohnehin identisch – zusammengeführt werden können. Oder, um es weiter zuzuspitzen, der antikapitalistische Kampf in vielen Fällen erst vermittels des Kampfes eines Kollektivsubjektes möglich wird.

Die radikale Linke in Katalonien hat, um vom Allgemeinen zu einem konkreten Beispiel zu kommen, genau das erkannt, als sie sich auf die Seite der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung geschlagen hat. Freilich ist dieser Unabhängigkeitskampf, solange aus ihm ein weiterer kapitalistisch organisierter Nationalstaat hervorgeht, nicht per se gut (wenn auch im Vergleich zum postfaschistischen spanischen Nationalismus fortschrittlich). Der springende Punkt ist allerdings, dass die katalonische Linke angesichts der politischen Gemengenlage in dieser Region dazu verdammt ist, sich in der Frage der Unabhängigkeit zu positionieren, wenn sie gesellschaftlich relevant bleiben will.

ein Bart.

Die radikale Linke in Katalonien hat es geschafft, sich vermittels kluger Taktiken an die Spitze der Unabhängigkeitsbewegung zu schwingen, was wiederum den Spielraum für soziale Kämpfe innerhalb Kataloniens erweitert. Natürlich kratzen die beschriebenen Kämpfe immer zuerst an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft und müssen sich den Weg zur Auseinandersetzung mit den materiellen Ursachen der ganzen Misere erst einmal freischaufeln. Eine Linke, die in Bewegung bleiben will, hat allerdings auch keine andere Wahl, als innerhalb der beschriebenen Kämpfe zu intervenieren.

Das alles sagt über die Lage im bayerischen Hinterland freilich erst einmal nicht viel aus, schließlich ist die bayerische Kultur und die ihr anhängende Bevölkerung kein Objekt kolonialer oder rassistischer Unterdrückung sondern, wie von „project C“ richtig analysiert, eher verwoben mit der Bourgeoisie und dem Status Quo, in vielen Fällen auch mit seinen reaktionärsten Fraktionen. Sie taugt deshalb natürlich nicht als Ausganspunkt sozialer Kämpfe. Es gilt aber trotzdem, einen neuen Umgang mit der bayerischen Kultur und ihren Heimatbezug zu finden. Es gilt innerhalb der Realität des bayerischen Hinterlandes zu intervenieren, nicht gegen die bayerische Kultur, sondern trotz ihr.

Eine totale Abwesenheit von Kollektivsubjekte scheint auch mit Blick auf eine künftige nicht-kapitalistische und solidarische Gesellschaft unwahrscheinlich. Darauf, und nicht auf irgendwelche Wunschträume, sollten wir unsere Praxis ausrichten. Das Problem heißt warenförmige Gesellschaft und nicht Lederhose.

Der konkreten Intervention im bayerischen Hinterland stellt „project C“ das Primat der Theorie gegenüber, dem die Praxis nachgelagert sei. Dass sich gerade antideutsche und ideologiekritische Teile linker Bewegungen in Deutschland lieber in Endlosanalysen der kapitalistischen Verwertungsgesellschaft vergraben, anstatt sich die Hände schmutzig zu machen, liegt auch daran, dass sie das dialektische Verhältnis zwischen Theorie und Praxis nicht verstehen. „Der Kommunismus (ist) eine höchst praktische Bewegung (…), die praktische Zwecke mit praktischen Mitteln verfolgt“, schreibt Marx in „Die deutsche Ideologie“. Diese Praxis aber kann nur in der Gesellschaft und mit ihr aufgebaut werden, und auch nur in dieser praktischen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten entsteht bei den Massen Reflexion über ihre eigene Lage innerhalb gesellschaftlicher Prozesse. Radikale Kritik kann nur vermittels konkreter Praxis verbreitet werden.

In „Die deutsche Ideologie“ merkt Marx auch an, dass der Kommunismus nicht ein Zustand sei, der hergestellt werden soll, nicht „ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“ An strategischen und taktischen Fragen also, kommt keine linke Gruppe, schon gar nicht eine, die sich auf marxistische Grundsätze bezieht vorbei. Legitimiert wird das Primat der Theorie von „project C“ auch mit einem Zitat Hegels, wonach „wahre Gedanken nur in der Arbeit des Begriffs“ zu gewinnen seien. Hegel aber war Metaphysiker, nicht Materialist. In diesem Punkt steht die hegelsche Metaphysik dem marxistischen Materialismus diametral entgegen. Praxis ohne Theorie geht in die Hose, Theorie ohne oder mit unzureichender Praxis aber ebenso.

Gerade im bayerischen Hinterland hinkt die radikale Linke gesellschaftlichen Kämpfen weit hinterher anstatt in ihnen Partei zu ergreifen

Gerade im bayerischen Hinterland hinkt die radikale Linke gesellschaftlichen Kämpfen weit hinterher anstatt in ihnen Partei zu ergreifen. Der Einsatz für die Rechte von Geflüchteten oder lokale Proteste gegen Umweltzerstörung beispielsweise werden im bayerischen Hinterland zum großen Teil von bürgerlichen Kräften getragen. Die No-Tav Bewegung im provinziellen Susa-Tal in den norditalienischen Alpen – nur um ein Beispiel zu nennen – zeigt auf, wie lokale Proteste der Bevölkerung von linken Kräften unterstützt werden können um sie mit einer grundsätzlichen Kritik am Bestehenden zu verbinden. An solchen Bewegungen gilt es sich zu orientieren.

Im Susa-Tal kämpfen Anarchist*innen und Kommunist*innen Seite an Seite mit katholischen Bäuerinnen gegen die Naturzerstörung durch den Bau der Tav-Hochgeschwindigkeitsstrecke und ihren Schutz durch Mafia und Polizei. Ein anderes Beispiel wäre die Anti-Castor-Bewegung im Wendland, auch diese Proteste haben einen Spielraum für ein solidarisches Zusammenleben jenseits des Kapitalismus erweitert. Beide Beispiele finden im Hinterland jenseits der Metropolen statt, der von „project C“ konstruierte Automatismus des Gegensatzes zwischen Hinterland und sozialer Fortschrittlichkeit hält dem Abgleich mit der Realität nicht stand.

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