Interview: „Kein Schlussstrich – NSU-Komplex und rechter Terror in Bayern“

Bild: NSU-watch

Rosenheim – Vom 4. Februar bis zum 31. März organisiert die Rosenheimer Gruppe “contre la tristesse” eine Veranstaltungsreihe zum Thema “Kein Schlussstrich – NSU-Komplex und rechter Terror in Bayern”. In insgesamt sechs Veranstaltungen, von Vorträgen über Filmvorführungen bis hin zu einer Ausstellung, wollen die Aktivist*innen auch in Rosenheim eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex sowie den Kontinuitäten rechten Terrors in Bayern vorantreiben. Im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe rufen sie auch dazu auf, sich an den antifaschistischen Aktionen am Tag der Urteilsverkündung im NSU-Prozess in München zu beteilige und organisieren dazu eine gemeinsame Anreise am sogenannten “Tag X”.

Wir haben uns mit Tanja, einer Aktivistin der Gruppe getroffen und mit ihr über die Hintergründe und Vorüberlegungen zu der Veranstaltungsreihe gesprochen.

 


 

muscovado

Hallo Tanja, was hat euch dazu bewegt, diese Veranstaltungsreihe zu organisieren?

 

Tanja

Hallo. Wir denken, dass mit der kommenden Urteilsverkündung im NSU-Prozess am Oberlandesgericht (OLG) München ein wichtiger Zeitpunkt gekommen ist, um klar aufzuzeigen, dass was dort verhandelt wird nichts mit einer wirklichen Auflösung des NSU-Komplex zu tun hat. Wir wollen an die Arbeit, die Angehörige und Betroffene des neonazistischen Terrors und antirassistischer Gruppen und Initiativen seit Jahren leisten, so wie beispielsweise die Initiative “Keupstraße ist überall” aus Köln, “NSU-watch” oder das Münchner “Bündnis gegen Naziterror und Rassismus” mit ihrer Kampagne “Kein Schlussstrich”, anschließen und auch in Rosenheim eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex anregen. Dazu hatten wir bereits im Oktober letzten Jahres einen Vortrag des Münchner “Bündnis gegen Naziterror und Rassismus” über den NSU-Komplex in Rosenheim organisiert, der auf großes Interesse stieß. Inhaltlich wollen wir jetzt aber noch deutlich mehr Aspekte und Perspektiven auf die Thematik einfließen lassen.

 

muscovado

Ihr benutzt recht gerne die Bezeichnung “NSU-Komplex”, was versteht ihr darunter?

 

Tanja

Wenn wir über den NSU-Komplex sprechen, wollen wir damit alle Teilaspekte erfassen, die den neonazistischen Terror über Jahrzehnte ermöglicht haben. Dazu gehört die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber rechter Gewalt in den 90er Jahren, die rechtsterroristischen Strukturen und das UnterstützerInnen-Umfeld, auf das der NSU zurückgreifen konnte, den Aufbau und die Förderung solcher Strukturen durch staatliche Behörden wie den Verfassungsschutz, die jahrelange Verharmlosung rechter und rassistischer Ideologie und die Leugnung neonazistischer Terrorstrukturen, den institutionellen Rassismus, der dazu geführt hat, dass von der Polizei gegen Betroffene und Opfer des NSU-Terrors ermittelt wurde, die Rolle der Medien, Beweisvernichtung und Vertuschung durch staatliche Behörden und so weiter. Wir sehen den Begriff “NSU-Komplex” damit als bewusste Gegendarstellung zur beispielsweise staatlichen Auffassung des “Abgeschotteten Trios”.

 

muscovado

In eurer Veranstaltungsreihe geht ihr inhaltlich aber auch noch über den NSU-Komplex hinaus und thematisiert außerdem “Rechten Terror in Bayern”. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

 

Tanja

Damit wollen wir die Kontinuitäten rechten Terrors in Deutschland beispielhaft an Bayern aufzeigen. Rechten Terror gab es sowohl vor, als auch nach dem NSU. So zeigen wir einen Film zum Oktoberfestattentat, welches vor dem Terror des NSU stattfand. In dem Film wird deutlich, dass sich im Umgang mit rechtem Terror damals Parallelen zum Umgang mit dem NSU heute ziehen lassen. Wir wollen damit auch in aller Deutlichkeit zeigen, dass das Problem “neonazistischer Terror in Deutschland” noch lange nicht der Vergangenheit angehört. Momentan leben über 500 – per Haftbefehl gesuchte – militante Neonazis in Deutschland im Untergrund. Mit der Thematisierung in der Veranstaltungsreihe wollen wir eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Problem forcieren und als Perspektive einen gesellschaftlichen und konsequenten Antifaschismus entgegenstellen.

 

muscovado

Was erhofft ihr euch bei den Veranstaltungen?

 

Tanja

Wir erhoffen uns zunächst, dass viele interessierte Menschen zu den Veranstaltungen kommen werden und wir damit in Rosenheim eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex anregen. Gleichzeitig hoffen wir, dass sich diese Auseinandersetzung auch in einer Praxis wiederspiegeln wird, dass viele Menschen aus Rosenheim auch am Tag der Urteilsverkündung des NSU-Prozesses mit uns nach München fahren und dort ein Zeichen dafür setzen, dass wir den NSU-Komplex nicht zu den Akten legen werden.

Und zu guter letzt hoffen wir, dass sich nach der Auseinandersetzung mit der Thematik mehr Menschen aktiv gegen alle gesellschaftlichen Ideologien der Ausgrenzung wie völkisches Denken, Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus stellen, die damals wie heute tief in der Mehrheitsgesellschaft verwurzelt sind und nach wie vor die Grundlage für rechten Terror darstellen.

 


 

Mehr Informationen zur Veranstaltungsreihe “Kein Schlussstrich – NSU-Komplex und rechter Terror in Bayern” findet ihr unter:

www.contre.rosenheim.tk/nsu

 

Mehr Informationen zu den antifaschistischen Aktionen am Tag der Urteilsverkündung im NSU-Prozess findet ihr unter:

www.nsuprozess.net

Bild: contre la tristesse

Anmerkung der Redaktion:

Zum Schutz der Privatsphäre wurden alle Namen in diesem Artikel geändert.

 

 

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